Der Güterbahnhof Moabit

Der Güterbahnhof Moabit

Der Passant Bruno W. beobachtete eine Deportation.

 „Im Frühjahr 1943 kam ich vom Dienst nach Hause und sah eine große Gruppe von Menschen durch die Lübecker Straße ziehen. Da ich mich wunderte und neugierig wurde, ging ich ihnen nach. Sie bogen in die Havelberger Straße und dann in die Quitzowstraße ein. Ich sah, wie sie in einen kleinen Weg in Richtung Bahngelände abbogen. Soweit ich aus sicherer Distanz beobachten konnte, wurden sie gleich verladen.“

Ähnlich erinnerte sich die Helferin der Jüdischen Gemeinde, Herta Pineas, an Zuschauer.

„Die Umwohner des Bahnhofs Putlitzstraße beobachteten in Massen von der Brücke aus, die über die Gleise ging, wie diese Transporte zur Bahn kamen und vom ungedeckten Bahnsteig aus abgingen. Wenn wir nach Abfahrt des Zuges zurückkamen, standen die Zuschauer immer noch da – sollten sie nichts von den Dingen gewusst haben? Und wenn ich bereits im Sommer 1942 gewusst habe, dass aus Juden Seife gemacht wird, sollen es die uns umgebenden „Arier“ nicht gewusst haben?“

Der Ort, von dem die meisten Berliner Juden deportiert wurden, war der Güterbahnhof Moabit. Er wurde auch als Bahnhof Putlitzstraße, Bahnhof Quitzowstraße oder schlicht Bahnhof Moabit bezeichnet.

Im Norden des Stadtteils gelegen war er Teil einer ganzen Kette von Eisenbahnanlagen. Er diente als Schnittstelle zwischen der Hamburger, der Lehrter sowie der staatlichen Ringbahn. Ebenso fungierte er als örtlicher Güterbahnhof. Daraus ergab sich ein für den Laien nicht einfach zu verstehendes Gewirr von Gleisen und Bahndämmen. Neben den typischen Anlagen wie Güterschuppen und Ladegleisen gab es noch die Militärrampe am Gleis 69 im östlichen Bahnhofsbereich an der Quitzowstraße und die nahezu parallelen Gleise 81 und 82. Diese dienten zum Transport der drei großen, in Moabit ansässigen Regimenter. Nach dem Ersten Weltkrieg und gemäß den Regelungen des Versailler Vertrages wurden viele der Kasernen aufgelöst, sodass besagte Gleise verwaisten.

Das änderte sich mit dem Beginn der Deportationen. Darin ähnelt der Moabiter Güterbahnhof dem Bahnhof Grunewald: Dort war es ein nicht mehr benötigter Personenbahnhof, hier waren es die Militärgleise. Beide verfügten damals aber noch über eine Signal- und Sicherungstechnik, die für die Zwecke der Shoa genutzt werden konnte. Die Gleise lagen darüber hinaus in beiden Fällen abseits der noch genutzten Bahnanlagen. Sprich: Die Deportationen störten nicht den regulären Betrieb.

Der 22-jährige Rolf J. hatte sich bereits versteckt, wurde aber im Winter 1942 festgenommen. Während der Deportation konnte er aus dem Zug fliehen und erzählt später…

„Sie brachten mich zum Judenreferat der Gestapo in die Burgstraße und wollten von mir die Namen der Personen wissen, die mir geholfen haben. Ich weigerte mich, wurde in den Keller geschleppt und dort mit einem Ochsenziemer ausgepeitscht. Nach acht Wochen wurde ich einem Transport nach Auschwitz zugeteilt. In Handschellen gefesselt schleppte man mich mit fünf weiteren Leidensgenossen, die ebenfalls in der Illegalität aufgegriffen wurden, in ein Transportauto. Es brachte uns zum Bahnhof Putlitzstraße. Ein ehemaliger Nachbar von mir, der hier als Ordner der Jüdischen Kultusgemeinde eingesetzt war, steckte uns noch Stullen zu.
Ich erinnere mich, dass der Bahnsteig sehr niedrig war und die Menschen sofort in die Waggons getrieben wurden. Wir waren mit 48 Menschen in einem Waggon eingepfercht, Männer, verzweifelt weinende Frauen und Kinder. An den Bahnhof kann ich mich nur ungenau erinnern, er lag etwas abseits von der Stadtbahn.“

Zwischen Oktober 1941 und Frühjahr 1945 wurden über 50.000 Jüdinnen und Juden aus Berlin und Umgebung von Berliner Bahnhöfen deportiert. Ziele waren die Ghettos, Lager und Vernichtungsstätten im Osten, in den von Deutschen besetzten polnischen, tschechischen und sowjetischen Gebieten, wie Riga, Minsk, Lodz, Theresienstadt oder Auschwitz. Nur sehr wenige haben die Lager überlebt.

Ein Reichsbahner war am Güterbahnhof Moabit als Zugabfertiger eingesetzt und berichtet.

„Hier auf dem Gelände, von einem ehemaligen Abstellgleis, fuhren die Züge in Richtung Osten ab. Zwischen 1941 und ’42 wurden die Menschen mit ihren Habseligkeiten in Lastwagen fast bis an die Gleise herangefahren. Ich habe gesehen, wie man sie unter Gewehrkolbenhieben und Schlägen in die Wagen trieb. Zeitweise wurden Züge von 30 bis 40 Waggons zusammengestellt. Auf einen Waggon kamen, soweit ich mich erinnere, 40 bis 60 Leute.
Ab 1942 kam es auch vor, dass die Leute nicht mehr an das Gleis gefahren wurden, sondern zu Fuß hier ankamen. Oft mussten sie ihre Koffer und Bündel zurücklassen. Das ganze Zeug wurde, wenn der Zug abgefahren war, eingesammelt, auf Lastwagen verstaut und weggefahren.“

Schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden kleine Gedenkveranstaltungen am Bahnhof Grunewald abgehalten, die wohl die Wichtigkeit dieses Ortes festigten. Lange Zeit ging man davon aus, dass die meisten Menschen von dort in den Tod gebracht wurden.

Der Güterbahnhof Moabit dagegen fand Jahrzehnte lang nur als einer unter anderen Erwähnung. Man gab sich deshalb auch mit dem vergleichsweise kleinen Mahnmal auf der Putlitzbrücke zufrieden. Es wurde 1987 von Volkmar Haase geschaffen, mit abgebrochener Treppe und Inschrift.

Aber es sollte auch ein Gedenkort am originalen Schauplatz der Deportationen in der Quitzowstraße entstehen.

Die fortschreitenden Planungen für die Strecken zum neuen Hauptbahnhof drohten die letzten historischen Spuren zu beseitigen. Außerdem drängte die Bundesregierung die Deutsche Bahn zum Verkauf aller Anlagen, die nicht mehr zu Bahnzwecken dienten. Damit war der historische Ort akut durch Abriss und Neubau in Gefahr. 1998 leitete das damalige Bezirksamt Tiergarten ein Bebauungsplanverfahren ein, um das Gelände städtebaulich zu ordnen und um den Bau eines Erinnerungsortes zu ermöglichen.

Der Weg zum Gedenkort war dennoch steinig. Um die Wissenslücken über die Deportationen vom Güterbahnhof zu schließen, wurden ab dem Jahr 2000 mehrere Gutachten in Auftrag gegeben. Sie bestätigten die herausragende Bedeutung des Bahnhofs Moabit für die Shoa.

2006 wurde ein Runder Tisch zur Vorbereitung eines künstlerischen Wettbewerbs einberufen. Das Bezirksamt ließ ein Jahr später die einfache Stele direkt an der Quitzowstraße errichten, um auf die Geschichte des Ortes hinzuweisen.

Das Bezirksparlament sowie Moabiter Bürgerinnen und Bürger kritisierten ab 2010 die wenig würdevolle Stele. 2016 wurde deshalb ein weiterer Wettbewerb durchgeführt, aus dem das Büro Raumlabor als Gewinner hervorging. Realisiert wurde dieser Entwurf 2017: Ein Hain von 20 Waldkiefern sowie zwei Roststahl-Tafeln. Kurze Zeit später konnten die noch vorhandenen historischen Spuren wie der Weg, ein Stück des Gleises 69, die ehemalige Militärrampe und Flächen des heutigen Gedenkortes unter Denkmalschutz gestellt werden.

Eine unbezahlte Rechnung. Von Erich Kästner.

“Eine Rechnung, die damals an eine Frau geschickt wurde, damit diese die Unkosten begleiche, die dem Staat daraus erwachsen waren, dass er ihren Mann am 3. Mai 1944 hatte hängen lassen. Einer Rechnung über 585,74 RM, die „binnen einer Woche“ bezahlt werden mussten, da „nach Ablauf der Zahlungsfrist die zwangsweise Einziehung ohne weitere Mahnung“ zu gewärtigen war. Einer Rechnung, deren Echtheit unbezweifelbar ist und die man trotzdem nicht glauben will.
Einer Rechnung, die der Gerichtskasse längst bezahlt wurde, mit jenem Staat aber noch lange nicht beglichen ist! Tausende und Abertausende solcher Rechnungen sind vom nationalsozialistischen Staat ausgeschrieben worden. Es genügte ihm nicht, unschuldige Menschen aufzuhängen. Er ließ sich auch, gemäß den Paragraphen der Gerichtskosten-Gebührenordnung, die aus dem Mord erwachsenen Unkosten aufs Postscheckkonto überweisen. Er war ein ordnungsliebender Massenmörder, dieser Staat. „Gebühr für Todesstrafe“: 300 RM. War das etwa zu viel? Gebühr für den „Pflichtanwalt“, also für den Mann, der sanftmütig zu erklären hatte: „Mein Mandant ist mit seiner Erdrosselung selbstverständlich einverstanden“, 81,60 RM. Ist das zu teuer? Und so genau! Die sechzig Pfennige waren vermutlich die Auslagen des Herrn Doktor für die Straßenbahn.
„Vollstreckung des Urteils“: 158,18 RM. Das ist geschenkt! Dafür, dass ich einen ehrlichen, tapferen, klugen Mann hängen soll, würde ich mehr verlangen!
Und noch eins – wie mögen diese bürokratischen Teufel wohl auf die achtzehn Pfennige am Ende der Summe verfallen sein?
O armer Erich Knauf! Zwanzig Jahre kannte ich ihn. Setzer in der „Plauener Volkszeitung“ war er gewesen, bevor er Redakteur, Verlagsleiter und Schriftsteller wurde. Ein Mann aus dem Volke. Und sein Leben lang ein Mann für das Volk. Ein Mann, den wir jetzt brauchen könnten wie das liebe Brot!“

Sein Text bezieht sich auf den Zeichner Erich Knauf, der unter dem Pseudonym O. E. Plauen die bekannten Vater- und Sohn-Geschichten schuf. In dieses harmlose Betätigungsfeld musste er sich flüchten, alles andere war ihm verboten.

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